»was bleibt?«

Erinnerungs-Schichten: Die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg als transnationaler Raum

  • Birgit M. Bauridl Universität Regensburg
Schlagworte: Erinnerung, Transnationaler Raum, Palimpsest, KZ-Gedenkstätte, Flossenbürg, Gedenkort, Amerikanistik, American Studies

Abstract

Am 23. April 1945 erreichten Soldaten der US-Armee das ländlich gelegene Konzentrationslager Flossenbürg in der nördlichen Oberpfalz unweit des späteren Eisernen Vorhangs. Dort fanden sie noch ca. 1500 Häftlinge vor – ungefähr so viele, wie es am Ende des Gründungsjahres des Konzentrationslagers 1938 waren. Zum Zeitpunkt der Befreiung des Hauptlagers waren zahllose andere Häftlinge noch auf Todesmärschen unterwegs. Die letzten von ihnen sollten erst am 8. Mai von den amerikanischen Truppen eingeholt und befreit werden. Spätestens zwischen dem 23. April und dem 8. Mai 1945 wird in Flossenbürg in besonderer Weise deutlich, dass zum Ende des Nazi-Regimes das Gleichzeitige ungleichzeitig und das Ende des Lagersystems kein überall gleichzeitig erfolgendes Ereignis, sondern ein komplexer Prozess war. Spätestens am 23. April 1945 beginnt in Flossenbürg die Frage nach der Erinnerung, oder vielmehr die Frage nach den Erinnerungen der Menschen aus diversen Nationen und Kulturen – die Frage nach den Erinnerungen der Überlebenden, der Familien der Überlebenden und der Nicht-Überlebenden, der Täter*innen, der Mitläufer*innen, der Daneben-Stehenden, der Alliierten – und die Frage nach dem Umgang mit den Erinnerungen an all diese. Spätestens ab dem 23. April 1945 wird Flossenbürg zu einem transnationalen Palimpsest – zu einem Ort, auf den sich bis heute visuell und architektonisch erkennbar immerfort neue Schichten der Nutzung und Deutung durch unterschiedliche Menschen und unterschiedliche Nationen gelegt haben und um den sich immerfort multiple Erinnerungen unterschiedlicher Menschen aus unterschiedlichen Nationen und Kulturen ranken. Dieser Artikel beleuchtet den Erinnerungsort Flossenbürg durch die Linse transnationaler Forschungsansätze zu kulturellen, sozialen und politischen Räumen und aus der Perspektive transnationaler Erinnerungsforschung, wie sie auch in der Regensburger Amerikanistik betrieben werden.

Veröffentlicht
2019-05-22